Zwischen Reminiszenz und Recycling

Wer die sich stetig wandelnde Landschaft der Popkultur aufmerksam verfolgt, wird gemerkt haben: Einiges sehen wir nicht zum ersten Mal. Auch abseits von Tattoo-Chokern, blinkenden Schuhen und gewollt hässlichen, natürlich-nur-ironisch-getragenen 80er-Looks feiern vor allem viele Serien ihr Revival und bewegen sich damit irgendwo zwischen Reminiszenz und Recycling.

[Ein Gastbeitrag von Sarah Elena Kirchmaier]

Als Laura Palmer in der scheinbar letzten, im Jahr 1991 ausgestrahlten Folge von Twin Peaks mit irren Augen in die Kamera stierte und sowohl Special Agent Dale Cooper als auch dem Publikum die verheißungsvollen Worte „I’ll see you again in 25 years…“ mit auf den Weg gab, deutete dies lynchesque und allenfalls unverbindlich auf ein Wiedersehen in der amerikanischen Kleinstadt hin. Dass man die inzwischen zur Ikone gewordene Blondine hätte beim Wort nehmen sollen, wurde erst später klar. Als im Herbst 2014 die Fortsetzung der Serie für 2016 angekündigt wurde, war die Freude bei den Anhängern der wohl ersten und einzigen „soap opera for weirdos“ enorm. Überraschenderweise, eigentlich, denn die hartgesottenen Fans der ersten Stunde werden sich erinnern, dass der Film Fire Walk With Me, welcher ein Jahr nach Absetzen der Serie erschien und selbiger sowohl als Prequel wie auch Sequel dient, zunächst auf Unverständnis stieß und erst im Laufe der Zeit abgefeiert wurde. Warum also fiebert ein Riesenteil der serienaffinen Menschheit auf Mai hin, wenn die Vergangenheit uns gelehrt hat, dass Nachgeschobenes meistens nur so semi-geil ist? Leidet unser kollektives popkulturelles Gedächtnis derart an Demenz, dass alles, was älter als fünf Jahre ist, als „kultig“ zu gelten hat? Oder, um es küchentischpsychologisch auszudrücken: Flüchten wir uns durch Medien in eine Vergangenheit, in der alles noch einfacher schien?

Back in style?

Das Phänomen Twin Peaks ist – wie angedeutet – kein Einzelfall, wenn auch mit 25+1 Jahren Pause das krasseste Beispiel. Eine auffällig große Flut an Serien-Remakes überspülte uns zuletzt – man erinnere sich an die zehnte Staffel der X-Files, an Fuller House oder an Gilmore Girls – Ein Neues Jahr: allesamt letztes Jahr erschienene, verspätete Fortsetzungen beliebter Serien. Und natürlich haben wir uns wie wild drauf gestürzt, ge-binge-watcht, mitgeheult und uns zurückversetzt gefühlt. Dabei bleibt vielleicht auch ein wenig von unserem Einschätzungsvermögen auf der Strecke, denn der süßlich-verklärte Blick auf die Dinge, mit denen wir aufgewachsen sind, ist nicht der beste Freund des kritischen Denkens. Wahrscheinlich wird von den Machern auch genau damit kalkuliert, nämlich mit unserer Nostalgie bezüglich früherer Zeiten, die wir mit den Serien assoziieren. Sind wir so berechenbar?

My log doesn’t judge.

Das Spiel mit der Nostalgie ist ambivalent. Denn Popkultur und Politisches sind im Jahr 2017 so eng verknüpft wie noch nie, und in instabilen Zeiten reißt man durch Wiederkäuen der good old times recht wenig. Sollten wir uns also schuldig fühlen, weil wir uns in einer Ära, in der die Welt permanent aus den Fugen zu geraten droht, in eine rückwärtsgerichtete Medienlandschaft flüchten? Schließlich haben wir heutzutage mehr Möglichkeiten als jemals zuvor, um uns kreativ auszutoben. Doch so mancher sehnt sich in die guten alten Zeiten zurück. Irgendwie ist das aber auch verständlich, denn wer braucht keinen Zufluchtsort, um sich von der Hektik und dem ständigen zur-Positionierung-gezwungen-werden zu erholen?

Nebst kollektiver Panikattacken, was den Zustand der Welt betrifft, sind wir selbst in unserem privaten Kulturkonsum nicht gegen Stress gefeit, weil alles scheiße zu finden inzwischen einer der Grundpfeiler der Coolness zu sein scheint. Und, Internet sei Dank, kann ein*e jede*r von uns seine Meinung in der Hoffnung, sie würde als ganz besonders differenziert und kritisch daherkommen, an ein Millionenpublikum herausbrüllen, um so den Zuspruch für seinen oder ihren vermeintlich glänzenden Intellekt von vollständig Fremden einzukassieren. Kritisieren – bewusst oder unbewusst, ehrlich oder nur für das eigene Image – ist zu einer unserer Lieblingsbeschäftigungen geworden. Es scheint schon schier unmöglich geworden zu sein, Dinge einfach mal zu mögen und dafür in Ruhe gelassen zu werden. Dabei braucht doch jeder einen gesunden Ticken Eskapismus. Deshalb: Leben und leben lassen.

When you see me again, it won’t be me.

Remakes, Retro und Revival sind natürlich kein neues Phänomen. In der Mode, den Künsten, der  Literatur, der Musik und so fort hat man sich schon lange des Vergangenen bedient, um etwas Neues zu schaffen. Vielleicht auf den ersten Blick nicht der innovativste Weg, um Kulturgut zu kreieren, aber was soll’s? Solange das Ganze nicht lediglich ein billiger Abklatsch von irgendwas schon mal Dagewesenen ist, hat auch Nostalgie ein unglaubliches kreatives Potenzial. Twin Peaks hat übrigens schon von der ersten Folge an mit Rückbezügen auf’s Vergangene gespielt: Die Gesamtästhetik der Serie erinnert viel eher an die 1960er als die damals aktuellen frühen 1990er. Und schon zu dieser Zeit wurde David Lynchs Werk als „revolutionär“ bezeichnet und begeistert seither auch neue Fans durch seine Andersartigkeit gegenüber dem, was wir von vielen – auch aktuellen –  Serien gewohnt sind. Außerdem: Während ein Großteil des alten Casts wieder mit von der Partie ist, darf man sich darüber hinaus auf viele berühmte Neuzugänge freuen. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geht es am 21. Mai trotz aller Nostalgie schockierend und subversiv weiter. Wir sind gespannt, denn die Eulen sind immer noch nicht, was sie scheinen.

[Dieser Artikel erschien zuerst im feinen Göttinger Gesellschafts- und Stadtmagazin „VONWEGEN“, Ausgabe No. 5 – wir freuen uns, diesen Blickwinkel nun auch hier präsentieren und lesen zu dürfen.]

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