Vom „mündigen Bürger“ – eine Meinung

Eine offene, freie und demokratische Gesellschaft lebt vor allem von Partizipation der in ihr lebenden Menschen. Egal, ob ich mich heutzutage mit Freunden und Menschen meiner Umgebung unterhalte oder in Zeitungskommentaren, Blogs und Foren lese, immer und immer wieder fallen Begriffe wie Elite, Oberschicht, Medien, Presse etc. In der Regel entsteht bei mir der Eindruck, mein Gegenüber empfindet sich als nicht genug informiert, nicht genug beteiligt und nicht genug wahrgenommen. In der Regel entsteht bei mir der Eindruck, dass das so stimmt.

So weit so gut.

Wir sind uns also einig.

Alle Parteien wollen ja auch genau das Gleiche.

Alle Medien schreiben genau das Gleiche.

Alles ist gleich.

Und doch nicht das Selbe.

Man hat als Eine/r hier Unten auch kaum eine Chance, irgendwie wahrgenommen zu werden. Die Politiker und Politikerinnen machen, was sie wollen, die hören nicht auf ihr Volk. Einmal gewählt, interessiert es sie bis zum nächsten Wahlkampf nicht mehr, was die sie Wählenden eigentlich wollen.

Ist das schlimm?
Ich finde nicht.

Genau dafür habe ich sie gewählt. Nicht weil ich finde, dass alles was sie tun, richtig ist. Nicht weil ich finde, dass sie immer den richtigen Weg zum Ziel, geschweige denn immer das richtige Ziel im Auge haben.

Gewählt wird in einer repräsentativen Demokratie die Person und die Partei, von der man glaubt, sie nutzt in parlamentarischen Kompromissen einer pluralistischen Gesellschaft ihren Einfluss so, dass meine Gedanken und Werte den größtmöglichen Anteil an der gesellschaftlich bindenden Entscheidung haben.

Der Wahlkampf bzw. die Wahl selbst ist also ähnlich einer Evaluation.

Sie ist meine Möglichkeit zu sagen, ich fühle mich nicht repräsentiert.
Sie ist meine Möglichkeit zu sagen, ich fühle meine Positionen nicht eingebracht.
Sie ist meine Möglichkeit zu sagen, ich finde Politik doof.
Sie ist nicht meine Möglichkeit, zu regieren.
Sie ist nicht meine Möglichkeit, Politik zu machen.
Sie ist nicht meine Möglichkeit, zu herrschen.

Das Wahlprogramm ist die Niederschrift dessen, was eine Partei macht, wenn Sie regiert.

Eine Partei regiert in einer Demokratie, wenn sie die absolute Mehrheit hat.

Gibt es keine absolute Mehrheit, gibt es eine Koalition.

Gibt es keine absolute Mehrheit, kann man ein Wahlprogramm im Regelfall nicht vollständig umsetzen.

Bedeutet das, dass meine Meinung immer eine Rolle spielt?
Nein.

Bedeutet das, dass ich immer in Entscheidungen eingeschlossen werde?
Nein.

Bedeutet das, dass ich alles wissen muss, um zu wählen?
Nein.

Ist das Schlimm?
Ich finde nicht.

Demokratisch bedeutet unter anderem, dass die Entscheidung unter Beteiligung Aller[1] gefällt wird. Repräsentativ-demokratisch bedeutet unter anderem, das Alle[2] die Möglichkeit haben, sich bei Entscheidungen von jemandem Vertreten zu wissen, der ihren Interessen größtmögliche Aufmerksamkeit verschafft.
Politiker sind unsere Lobbyisten, nicht unser Sprachrohr.

Wenn ich mich nicht mehr vertreten fühle, wähle ich also jemand anderen.

Aber wenn es niemanden mehr gibt?

Wenn keine Partei meine Position vertritt?

Wenn kein Mensch in der Politik ist, dem ich meine Souveränität anvertrauen möchte?

Dann gehe ich nicht wählen.

Bringt ja sowieso nichts.

Die da oben machen, was sie wollen.

Hier unten kann ich nichts machen.

Ist das die richtige Reaktion?
Ich weiß es nicht.

Ist das eine mündige Reaktion?
Ich finde nicht.

Mündig bedeutet ja vor allem handlungsfähig.
Etwas nicht tun bedeutet vor allem nicht zu handeln.

Ich finde wer mündig ist, versucht Wege der Teilhabe zu finden. Sei es, in dem er sich selbst am politischen Leben beteiligt – und ja dafür hat man eigentlich immer Zeit. Ich weiß, es ist ein Totschlagargument, aber die ersten SPDler haben weitaus länger am Tag gearbeitet, zu weitaus miserableren Bedingungen als wir heute in Deutschland. Damit meine ich nicht die ersten Politiker. Ich meine die Mitglieder, die Menschen die partizipiert haben am politischen Leben. Außerhalb eines damals nicht wirklich existierenden Parlaments.

Ein politisches Leben bedingt Menschen, die es leben. Sich zurück zu ziehen und zu sagen man hat keine Möglichkeit der Teilhabe, ist für mich das Aufgeben der eigenen Mündigkeit.

Nur auf die Straße zu gehen und gegen Politiker, Personen, Presse und Parteien zu demonstrieren, ist für mich das Aufgeben der eigenen, politischen Mündigkeit.

Mündigkeit bedeutet nicht nur Veränderungen zu wollen.
Mündigkeit bedeutet nicht nur Veränderungen zu begleiten.
Mündigkeit bedeutet nicht nur Veränderungen zu gestalten.

 

Mündigkeit bedeutet vor allem Veränderungen herbeizuführen.

 

Mündigkeit bedeutet auch, nicht immer aufzugeben, nur weil man nicht gewonnen hat.
Mündigkeit bedeutet auch, offen zu sein.
Mündigkeit bedeutet, sich selbst im Klaren zu sein, dass die eigene Meinung nicht immer richtig sein muss.
Mündigkeit bedeutet, Kritik geben zu können.
Mündigkeit bedeutet, Kritik annehmen zu können.
Mündigkeit bedeutet, fundiert zu kritisieren.
Mündigkeit bedeutet fordern.
Mündigkeit bedeutet, sich selbst zu fordern.
Mündigkeit bedeutet, Medien zu konsumieren.
Mündigkeit bedeutet, Medien zu kritisieren.
Mündigkeit bedeutet, sich Informationen selbst zu beschaffen.

 

Mündigkeit ist eine Anforderung an sich selbst, keine Eigenschaft.

 

Wer sich manipuliert fühlt, muss vor allem selbst etwas tun, selbst suchen, selbst denken und nicht auf diejenigen vertrauen, die sagen, man sei manipuliert.

 

Wer mündig ist, läuft gleichauf, nicht nebenher.

Wer mündig sein will, muss vor allem mündig sein.

 

Wer handlungsfähig sein will, muss handeln.

Wer handeln will, muss Verantwortung übernehmen.

Wer Verantwortung übernimmt, muss antworten können.

Wer antworten kann, muss falsch liegen können.

Wer falsch liegen kann, muss sich korrigieren können.

Wer sich korrigieren kann, kann diskutieren.

Wer diskutieren kann, kann teilhaben.

Wer teilhaben kann, ist politisch.

Wer politisch ist, ist mündige/r Bürger/in.

[1] (Mitglieder des Demos)

[2] (Mitglieder des Demos)

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