Olympiadebatte: Gefährlicher Denkfehler

Nach dem Nein zur Olympia/Paralympics Bewerbung durch die Hamburger Bevölkerung wird über unattraktive Bewerbungen, mangelnde Visionskraft in Deutschland und über den bösen Funktionärssport diskutiert. Diese Debatten führen aber am eigentlichen Kern vorbei: der gesellschaftlichen Verantwortung für den Sport und seine Strukturen.

Sonntagabend machte die Nachricht über die Eil-Infos und News-Ticker schnell die Runde: Erneut ist eine geplante Bewerbung für olympische und paralympische Spiele an einem Referendum gescheitert. Hamburgs Bevölkerung hat den Plänen von DOSB, Hamburger Senat und Bund eine knappe, aber klare Absage erteilt. Die Reaktionen sind spannend und bezeichnend zugleich. Viele aktive oder ehemalige Sportler*innen sind enttäuscht, was aus ihrer Akteursperspektive absolut nachvollziehbar ist. Teil des Sportler*innen-Daseins ist es, sich der Öffentlichkeit zu stellen, Aufmerksamkeit auf den Sport und die eigenen sportlichen Leistungen zu lenken. Und auch wirtschaftlich ist für viele Athlet*innen aus Deutschland eine Absage an die Bewerbung negativ. Denn der Großteil der olympischen Sportarten verspricht keine Verdienstmöglichkeiten wie wir sie beispielsweise vom Fußball kennen, sondern erfordert viele Kompromisse. Soweit nachvollziehbar. Die Reaktion des organisierten Sports mag nur verwundern: DOSB-Präsident Alfons Hörmann gestand gestern ein: „Wir waren auf dieses Szenario bis zum heutigen Tag nicht vorbereitet.“. Wie man angesichts weltweiter kritischer Debatten über Korruption und Missmanagement im Sport (FIFA, IAAF) und einer verbreiteten Skepsis über die Vereinbarkeit von (finanzieller, sozialer und ökologischer) Nachhaltigkeit mit dem Olympia-Verständnis des IOC den Fall einer Absage nicht bedenken kann, bleibt wohl eines der vielen Geheimnisse innerhalb des DOSB.

Vom Mehrwert der Diskussion

Die Debatte um die deutsche Olympiabewerbung ist – sowohl in Berlin als auch in Hamburg – oft und schnell darauf hinausgelaufen, vonseiten der Politik und des Sports aus Olympia ein Geschenk zu machen, das man einfach annehmen muss. Wer Kritik oder Gründe für eine Ablehnung formulierte, wurde schnell auf die vermeintlichen IOC-Reformen verwiesen oder als Fortschrittsblockierer dargestellt. Ich glaube, dass man das Thema Olympische und Paralympische Spiele aus verschiedenen Perspektiven wie Stadtentwicklung, Sportförderung oder Nachhaltigkeit in den angesprochenen Dimensionen betrachten kann, dass sich gute Argumente für und gegen ein solches Projekt finden lassen und daher ein gesellschaftlicher Abwägungsprozess unumgänglich ist. Der Hamburger Volksentscheid, der eine höhere Beteiligung aufweist als eine Entscheidung zur Struktur des Hamburger Bildungssystems, stellt das vorläufige Ende eines solchen Abwägungsprozesses dar. Das Problem ist nur, dass solche Debatten nicht vorgesehen sind in einem Bewerbungsprozess, dessen Eckdaten nicht in Frage gestellt werden sollen. Das IOC hat kein intrinsisches Interesse an einer grundlegenden Veränderung der sportpolitischen Strukturen (und befindet sich mit dieser Position in guter Gesellschaft zu FIFA- oder Leichtathletik-Funktionär*innen). Und hier fängt der gefährliche Denkfehler an.

Der verkürzte Blick auf die vermeintliche Black Box des internationalen Sports

Wenn nun die Nachrufe auf die Hamburger Bewerbung verfasst werden, wird zu Recht auf die bestehenden Skandale im internationalen Sport, auf die Skepsis gegenüber der finanziellen Planbarkeit von Großprojekten und das Misstrauen gegenüber dem Sport verwiesen. Es bleibt jedoch die Tendenz, wahlweise Visionslosigkeit der skeptischen Bevölkerung zu kritisieren oder aber trotz Kritik am Funktionärsgehabe dafür zu plädieren, die Spiele seitens westlicher Demokratien nicht aufzugeben.

Es stellt sich aber die Frage, was genau hier nicht aufgegeben werden sollte. Den olympischen Gedanken und die Idee globaler Sportereignisse als Begegnungsorte zu erhalten, dafür lassen sich gute Gründe finden. Aber das bestehende sportpolitische System, die Arbeits- und Legitimationsstrukturen internationaler Sportorganisationen wie IOC, IAAF oder FIFA und damit letztlich den aktuell zwingenden Rahmen olympischer/paralympischer Spiele zu erhalten – das scheint nicht so leicht begründbar (zumindest wenn man nicht gerade die Akteursperspektive der Sportfunktionär*innen einnimmt).

Das eine ist momentan meiner Meinung nach nicht vom anderen zu trennen. Eine kritische Perspektive auf die Umsetzung und eine offene Diskussion um den Wert der Spiele kann nicht stattfinden, ohne die dahinter stehenden Strukturen zu thematisieren. Eine Absage an Bewerbungsversuche seitens einer kritischen Öffentlichkeit (wie es außerhalb Deutschlands auch in Norwegen passierte) kann nach diesem Blickwinkel also auch nicht als Überraschung, sondern vielmehr als eine erwartbare Option angesehen werden. Und jegliche Debatte im Nachgang der aktuellen Bewerbungsdiskussionen muss die strukturelle Ebene des Sports einbeziehen – wozu auch gehört, Institutionen zu identifizieren, die wie der DOSB am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen und zugleich selbst Akteur in dieser Struktur sind. (Dieser Anspruch kann ohne Probleme auf die Debatte rund um DFB und FIFA übertragen werden).

Notwendige Konsequenz: Zugriff der öffentlichen Sphäre auf das öffentliche Gut des Sportes

Kritikpunkt 1: Eine Ernsthafte Debatte um Olympia war in der jetzigen Diskussion nicht möglich, weil die grundlegenden Prämissen nicht verhandelbar waren. Die daraus resultierenden Negativaspekte (Korruption, Intransparenz, Dopingprobleme etc.) bilden die Blaupause für gesellschaftliche Ablehnung.

Kritikpunkt 2: Teile dieser grundlegenden Prämissen – i.S. sportpolitischer Organisationen – werden nicht als solche wahrgenommen und kritisiert. Sie selbst funktionieren in der Logik des bestehenden Systems und sind nicht in der Lage, gesellschaftliche Impulse aufzunehmen.

Kauft man diese zwei Kritikpunkte, ist man allerdings noch nicht weiter als die momentane Debatte. Konsequent weitergedacht, muss die Öffentlichkeit, müssen Zivilgesellschaft und Politik, den Sport zurück in die öffentliche Sphäre holen.

Damit meine ich nicht, dass die öffentlich-rechtlichen noch umfassender über die Fußball-Nationalmannschaft der Männer berichten sollen (was technisch nach der WM 2014 auch nur schwer möglich ist). Ich meine vielmehr, entsprechenden Druck auf die Institutionen aufzubauen, die für sich in Anspruch nehmen das öffentliche Gut des Sportes zu verwalten. Angesichts ihrer intransparenten, korrupten und mitunter undemokratischen Strukturen haben Organisationen wie IOC, IAAF oder FIFA, aber auch nationale Ableger wie DOSB und DFB, ihre Legitimität und ihren Vertretungsanspruch vorerst verloren. Und da sie dem Anspruch auf interne Reformen bisher nicht gerecht werden, müssen hier die Gesellschaft, die globale Öffentlichkeit, die Staatengemeinschaft reagieren, und zwar noch viel stärker als bisher. Steuervorteile und Subventionen, politische Anerkennung und Autonomie in strafrechtlich relevanten Bereichen müssen neu legitimiert oder aberkannt werden.

Der dritte Kritikpunkt zielt also auf Gesellschaft und Politik: Zu lange wurde die Misere des organisierten Sportes als quasi gottgegeben und daher unabänderlich gesehen, wurde es bei leichter Kritik belassen und die Verantwortung für Reformen allein den Akteur*innen selbst zugeschrieben. Alle genannten Organisationen haben keine vorpolitische Legitimation, sie sind legitimiert allein durch die Akzeptanz von Staaten und Gesellschaften. Und genau hier liegt auch ein Teil der Verantwortung. Nur so können die Grundlagen geschaffen werden, um die guten Gründe für und gegen sportliche Großereignisse offen diskutieren zu können.

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