“Els carrers seran sempre nostres“

Die Auseinandersetzung zwischen Katalonien und dem spanischen Zentralstaat um die Unabhängigkeit der Katalanen hat sich in den vergangenen Tagen massiv zugespitzt. Barcelona, das urbanisierte Sinnbild Kataloniens und zugleich emotionaler Bezugspunkt für Menschen in ganz Europa, steht dabei besonders im Fokus. Unser Autor Max ist seit Mitte September zum Auslandssemester dort – und steht damit seit seiner Ankunft einem  Gewirr aus Emotionen und Eindrücken gegenüber. Ein Erlebnisbericht.

“Els carrers seran sempre nostres“- zu Deutsch “Die Straßen werden immer unsere sein”, ist ein Ruf, den ich in der vergleichsweise kurzen Zeit, die ich bisher in Barcelona verbracht habe, so oft gehört habe, dass ich ihn für immer mit dieser Stadt verbinden werde. Der Satz bringt die Stimmung, die Atmosphäre, um die es in diesem Beitrag gehen soll, erstaunlich kurz und präzise auf den Punkt.

Einschränkend sollte zunächst erwähnt werden, dass die folgende Beschreibung absolut subjektiv ist und gar nicht den Anspruch erhebt, das „wirkliche“, repräsentative Stimmungsbild in Barcelona – geschweige denn in Katalonien – einzufangen.

Ich wohne zusammen mit zwei Katalanen: Der junge Mann, nennen wir ihn Ramon, arbeitet bei der katalanischen Untersparte eines großen spanischen Radiosenders und vertritt die Unabhängigkeit vehement seit meiner Ankunft in der WG – gefühlt schon seit seiner Geburt. Die junge Frau, alias Adrianna, arbeitet in der Werbebranche für große internationale Automobilkonzerne und ist erst im Verlauf der letzten Monate von einem eher abwartenden, neutralen Standpunkt in das Sí-Lager gewechselt.

Meine Universität, firmierend unter dem offiziell katalanischen Namen Universitat Pompeu Fabra, erfüllt die Katalanen mit Stolz, gilt sie doch als international renommierte Institution. Entsprechend tendiert die Stimmung, soweit man sie am Campus erfassen kann, auch hier in eine klare Richtung – sowohl innerhalb der Universitätsleitung als auch unter den Studierenden.

Zuletzt die Stadt selbst. Barcelona ist Hauptstadt und Verwaltungssitz Kataloniens und somit politisches und kulturelles Zentrum. Durch die starke wirtschaftliche Stellung, besonders in Tourismus und Industrie, aber auch durch den großen Hafen kommt der Stadt eine Hebelwirkung zu, die sie entscheidend ausspielen kann – etwa während des letzten Generalstreiks am 3. Oktober.

Zwei Wochen hatte ich Zeit, meine Erwartungen über den Ausgang des Referendums zu bilden. Dieser kurze Zeitraum hat ausgereicht, um mich in der Ansicht zu bestärken, dass das Sí-Lager mit großem Abstand gewinnen wird; denn das Gegenlager war in dieser Stadt für mich einfach nicht zu erkennen. In den vielen engen Straßen des historischen Barri Gòtic, aber auch in den umliegenden moderneren Vierteln dominieren die verschiedenen Flaggen der Unabhängigkeitsbefürworter das Stadtbild und man fragte sich, ob eine organisierte Gegenkampagne überhaupt existiert.

Beim Ausstieg aus der Metro konnte ich mehrmals kleinere Grüppchen von 12- bis 14-Jährigen beobachten, die den Titel dieses Artikels lauthals durch den Bahnhof riefen – immer dabei eine katalanische Flagge über der Schulter. Überhaupt überrascht mich, wie enthusiastisch besonders junge Menschen hier auf die geforderte Loslösung vom spanischen Staat reagieren. Zu den Feierlichkeiten des Stadtfestes, der Mercè, spielte die Band Txarango ein Strandkonzert vor zehntausenden vorwiegend jungen Menschen. Die Masse nahm die politischen Redner während des Auftritts mit Begeisterung auf, mit dem Ergebnis, dass die Veranstaltung zum Schluss eher einer Großdemonstration mit linksalternativer Musikuntermalung glich.

Es ist wichtig diese politische Einfärbung hervorzuheben: In Katalonien regiert seit den Wahlen 2015 ein Bündnis der antikapitalistischen CUP (Candidatura d’Unitat Popular; Kandidatur der Volkseinheit) sowie der Junts pel Sí (Zusammen für das Ja), einer gemeinsamen Liste aus Liberalen und Linksliberalen. Die beiden spanischen Volksparteien, die sozialdemokratische PSOE (Partido Socialista Obrero Español) und die konservative PP (Partido Popular), spielen dagegen eine untergeordnete Rolle.

Vor allem letztere Partei ist hier geradezu verhasst, gilt sie doch zum einen als ehemaliges Auffangbecken für Franquisten und zum anderen als durch und durch korrupt. So erzählten mir Ramon und Adrianna vom Brand in der Ciudad de la Justicia de Valencia am 10. September, in welcher sich zu diesem Zeitpunkt Beweisunterlagen gegen führende PP-Politiker befanden. Hier hält sich die Theorie der Brandstiftung, die vor allem durch den ausgeschalteten Alarm genährt und über einige spanische Medien verbreitet wird; immer mit einem fragenden Gesicht, warum der Rest des Landes nicht kritischer mit dieser PP umgeht. In Katalonien selbst sind die Konservativen aber spätestens durch ihre erfolgreiche Verfassungsklage gegen den ausgeweiteten Autonomiestatus im Jahr 2006 für viele nicht mehr wählbar.

Diese Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von 2010, das Autonomiestatut von 2006 zu kippen, hat entscheidend zur Entfremdung beigetragen und es vermischen sich Frustration über die Benachteiligung bei der Zuweisung von Finanzmitteln mit den immer präsenten historischen Parallelen des Widerstands gegen das Franco-Regime. Gerne ist man auch bereit, bis in das Jahr 1714 zurückzugehen, als die Region im spanischen Erbfolgekrieg ihren bis dato unabhängigen Status verlor. Ramon sagte mir, er denke immer noch mit tief empfundenen Respekt an die letztlich erfolglose Verteidigung Barcelonas, welcher am Denkmal El Fossar de les Moreres in Form einer ewigen Flamme gedacht wird. Auf mich wirkt es nach wie vor etwas befremdlich, dass diese sonnige Metropole sich mit einem Kriegerdenkmal schmückt, aber gerade jetzt ist man sich scheinbar um keine Symbolik verlegen.

Die kulturelle Abgrenzung nehme ich besonders wahr. Schon bei einem Willkommensvortrag in der „Universitat“ betont der Professor in einem kurzen historischen Abriss, dass Barcelona seine Blütezeiten immer dann erlebte, wenn in den anderen großen Städten Spaniens, in Madrid, Sevilla oder Cádiz die Stagnation herrschte – und umgekehrt. So blühte der Handel im Mittelalter und im 19. Jahrhundert, während die drei  anderen genannten Städte vom Überseehandel des 16. und 17. Jahrhunderts profitierten. Wurde dort der Handel mit Amerika betrieben, so blieb Barcelona zu dieser Zeit eher dem Mittelmeerhandel verhaftet. Barcelona war demnach schon immer anders, und es fuhr immer am Besten wenn es seinen eigenen Weg ging.

Es könnten noch zahlreiche solcher Abgrenzungen genannt werden. Egal ob Castells statt Stierkampf oder schlicht die allgegenwärtige katalanische Sprache in den Straßen. Zugespitzt ausgedrückt sieht sich das Sí-Lager auch gerne als progressive, pro-europäische mitunter auch antifaschistische Kraft in einem sonst zu passiven Land. So zumindest mein Eindruck.

Die Ereignisse am Tag des Referendums haben hier die Emotionen hochkochen lassen und jene extremeren Stimmen bestärkt, welche die PP als direkte Nachfolge der Faschisten sehen und darstellen wollen. In den Lokalnachrichten wurden tagelang die Videos von prügelnden, tretenden, schlagenden Polizisten der spanischen Militärpolizei Guardia Civil gezeigt, wiederholt und minutiös analysiert. Potentielle Wähler wurden die Treppe runtergeworfen oder an den Haaren aus den Wahllokalen gezerrt.

Demgegenüber standen die Videos der Mossos D’Esquadra, einer katalanischen Polizeieinheit, die die Region ihrem besonderen Autonomiestatus verdankt: Spätestens seit dem Terroranschlag am 17. August und den schnellen Ermittlungserfolgen dieser Einheit gelten die Mossos in der Stadt als Rockstars. In den Videos war zu sehen, wie sich Mossos-Polizisten, teilweise unter Tränen, vor die Bürger stellten, um sie demonstrativ beim Urnengang zu beschützen. Selbst der Guardia Civil stellten sich einige entgegen. Ramon erzählte mir, die Mossos hätten unter Verweis auf potentielle Ausschreitungen/Verletzungen von einer Räumung der Wahllokale abgesehen und seien von den Anwesenden unter Applaus verabschiedet worden. Es ist dieser starke Kontrast zum brutalen Vorgehen der Guardia Civil, der das Sí-Lager nun zusätzlich bestärkt und emotional aufgeladen hat. Der spanische Polizeieinsatz kann nur als verheerend bezeichnet werden, nicht zuletzt weil er sein eigentliches Ziel, eine Abstimmung effektiv zu verhindern, gar nicht erreicht und stattdessen nur hässliche Bilder produziert hat.

Schon seit einiger Zeit hört man abends gegen 10 Uhr das Topfschlagen von den Balkonen aus, um – wahlweise – für die Unabhängigkeit, gegen Rajoy oder gegen irgendeinen Redner aus seiner Regierung zu protestieren. Dieses wird jetzt lauter, regelmäßiger und mutet geradezu beschwörerisch an. Gleichzeitig zeigt sich nun auch vermehrt das Gegenlager auf der Straße. Heute, am Sonntag vor der erwarteten Parlamentssitzung, in welcher Ministerpräsident Puigdemont das Endergebnis des Referendums präsentieren und möglicherweise die Unabhängigkeit ausrufen wird, konnte ich das erste Mal tausende spanische statt katalanische Flaggen bei einer Großdemonstration sehen.

Es bleibt der fade Beigeschmack, dass 57 Prozent der Wahlberechtigten nicht am Referendum teilgenommen haben, sei es aus (im Nachhinein nachvollziehbarer) Angst vor der Guardia Civil oder aus der schlichten Ablehnung einer verfassungswidrigen Abstimmung. Alle wirken politisiert. Das Einzige, was mich nach dieser kurzen Zeit hoffen lässt, dass dieser Konflikt glimpflich ausgeht, ist die besondere Betonung der friedlichen Auseinandersetzung, wie sie besonders vom Sí-Lager propagiert und – meines Erachtens nach – auch eingehalten wird. Ein anderer Ruf lautet hier nämlich: Som gent de pau” (“Wir sind Menschen des Friedens”).

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