Ich bin ein Muslim

„Ich bin Muslima, wenn du etwas gegen Muslime hast“ steht auf einem Plakat mit der TV-Moderatorin Astrid Frohloff in der Berliner Antidiskrimierungskampagne „Gesicht zeigen!“. Auch ich denke mir oft, ich bin ein Muslim. Ich bin kein Muslim und kann persönlich wenig mit dem Islam anfangen. Ich meine das als Solidaritätsbekundung, ähnlich wie es die Kampagne tut. Aber meine Solidarität speist sich aus einem tiefen Gefühl des Verständnisses für die Situation der Muslime in Deutschland, das aus ganz persönlichen Verbindungen entspringt.In meiner Familie gibt es viele praktizierende Muslime und ebenso viele, bei denen Muslim sein nicht mehr ist, als ein Eintrag im Pass. Zu letzterer Gruppe gehören auch viele der in Deutschland lebenden Muslime. All jene werden von selbsternannten Abendlandrettern und sonstigen sogenannten Islamkritikern gemeint, wenn diese von der Islamisierung Deutschlands sprechen. Diese Rhetorik versucht Überfremdungsängste und Xenophobie hinter der Verteufelung einer vermeintlich rückständigen Religion zu verstecken. Diese Leute meinen aber nicht den Islam, sie meinen Migranten und deren Kinder und Enkelkinder als die vermeintlichen Repräsentanten des Islam. Der Wolf des Rassismus und der Menschenfeindlichkeit kommt im Schafspelz der Islamkritik daher.

Wer ist eigentlich dieser Islam?
In der politischen Diskussion versuchen die Vertreterinnen und Vertreter der Mehrheitsgesellschaft diese Argumente mit der Verteidigung des Islams zu entkräften. Dieser Versuch ist ehrenhaft und im Ansatz richtig, allerdings sind die angeführten Argumente oft ungeschickt und missverständlich. Das sieht man zum Beispiel an der Formulierung „DEN Islam gibt es nicht“. Das stimmt zwar, aber es müsste eigentlich heißen DIE Muslime (als homogene Gruppe) gibt es nicht. Da tatsächlich über die Menschen gesprochen wird, und nicht über die Religion, sollten diese dementsprechend im Vordergrund stehen. Laut Zensus 2011 liegt die Anzahl von Menschen mit muslimischen Glauben in Deutschland bei 1,9 Millionen. Das ist deutlich weniger als die Zahl von 4 bis 4,5 Millionen, die auf Grundlage der Schätzungen von Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern entsteht. Es gibt also einen signifikanten Unterschied zwischen den praktizierenden Gläubigen und den Menschen mit muslimischer Religionszugehörigkeit. Die Hälfte der sogenannten Muslime würden sich nicht als gläubig bezeichnen, sie laufen meist an Moscheen vorbei und begegnen islamischen Bräuchen wahrscheinlich nur im Rahmadan, dessen sekulare Rolle durchaus mit dem „christlichen“ Weihnachten zu vergleichen ist.
Der Islam ist also nur so weit Teil ihrer Identität, weil sie von außen durch die mehrheitlich „christliche“ Gesellschaft mit ihrer abweichenden Religionszugehörigkeit (nicht Religion!) konfrontiert werden und sich so möglicherweise stärker mit dem Islam als Teil ihrer Identität auseinandersetzen, als es sich aus ihren Alltagsritualen tatsächlich ergeben würde. Deswegen wird die Rolle des Islams für Menschen mit sogenannten Migrationshintergründen aus mehrheitlich muslimischen Ländern im Diskurs überschätzt.
Das gilt freilich nicht für alle. An dieser Stelle möchte ich nicht behaupten, dass es keine Muslime in Deutschland gibt, für die die Praktizierung ihrer Religion elementarer Bestandteil ihrer Alltagsrituale sind. Die Symbole der Religionsausübung sind in den Straßen der deutschen Großstädte allgegenwärtig und es gibt sicherlich viele Menschen muslimischen Glaubens, die den Praktiken ihrer Religion in ganz unterschiedlicher Weise nachgehen. Es mutet eigentlich überflüssig an, zu erwähnen, dass diese Gläubigen durch die Ausübung ihrer Religion prinzipiell keine gesellschaftliche oder gar politische Vorstellungen ableiten. Anhand des viel gebrauchten Begriffs der Islamisierung der Gesellschaft ist es allerdings wohl doch notwendig, dies näher zu erläutern.
Von der „Islamisierung“ Deutschlands
Die vermeintliche Islamisierung speist sich einerseits daraus, dass es in Deutschland (wie auch im Rest der Welt) Gruppen gibt, die den Islam so auslegen, dass sie daraus ein geschlossenes gesellschaftspolitisches Weltbild ableiten. Auf der anderen Seite sei ein vermeintlicher rückschrittlicher Trend der Entliberalisierung und Entemanzipierung zu beobachten, die dann beispielhaft mit der Anzahl der Kopftuch tragenden Mädchen, die wohlmöglich nicht am Schwimmunterricht in der Schule teilnehmen dürfen, belegt wird. 
Salafistische und andere islamistischen Gruppen beziehen sich auf den Islam und leiten daraus politische Forderungen ab, die, in ihrer extremsten Form, auch Gewalt legitimieren, um die bestehende Ordnung zu brechen. Es ist deshalb auch nicht richtig zu behaupten, die auf dieser Grundlage entstehende Ablehnung der demokratischen Ordnung und potentielle Anwendung von Gewalt hätte mit Religion nichts zu tun. Auch wenn viele der Ziele inhärent politisch sind – wie zum Beispiel die Ablehnung der militärischen und wirtschaftlichen Präsenz des Westens im Nahen Osten -, so beziehen sie sich doch auf den Islam als Legitimationsgrundlage ihres Handelns.
Religion war in der Geschichte oft Motivation und Legitimation zur Ausübung von Gewalt. Genauso war sie auch Motivation für Mitmenschlichkeit, Unterstüzung der Armen und zu guter letzt Friedfertigkeit. Der Islam hat, wie andere Religionen auch, gezeigt, dass man auf seiner Grundlage sowohl Friedfertigkeit, als auch Gewalt rechtfertigen kann. Er ist demnach weder inhärent gut, noch ist er schlecht. Wichtig ist an dieser Stelle aber, dass man Religion nicht zwangsläufig braucht, um Gutes oder Schlechtes zu rechtfertigen. „Muslime“ tun ebenfalls Gutes und Schlechtes, wie „Nicht-Muslime“, ohne dazu einen Bezug zu ihrer Religion herzustellen. Dass die „überwiegende Mehrheit der Muslime in Deutschland friedlich lebt und sich an deutsche Gesetze hält“ ist deshalb genauso richtig, wie nichtssagend. Die Gesetzestreue wird generell weder im Positiven, noch im Negativen durch die Religiosität und schon gar nicht durch die Religionszugehörigkeit zum Islam entschieden, sondern durch eine Reihe von anderen sozialen und wirtschaftlichen Faktoren.
Das Kopftuch muss nicht nur ein Ausdruck von Religiösität sein, es kann genauso gut auch ein Ausdruck kultureller Zugehörigkeit, ein modischer Betonung von Traditionalität, aber auch als Unterdrückungsinstrument gegenüber Frauen sein. Diese Ausdruck einer selbstbestimmten oder fremdbestimmten konservativen Grundhaltung ist in erster Linie nicht religiös, sondern ist genauso Ausdruck von kultureller Konstruktion, wie es auf viele Konservative „deutscher“ Prägung zutrifft. Das Phänomen von „muslimischen“ Mädchen, die nicht am Schwimmunterricht teilnehmen (oder sonstigen schulischen Aktivitäten) dürfen, ist eine zu vernachlässigende Tatsache, weil sich ihr Anteil auf die Gesamtanzahl der „muslimischen“ Mädchen im Promillebereich bewegt.  Aber auch hier handelt es sich nicht um eine primär religiöse, sondern eine konservative, anti-emanzipatorische Grundhaltung, die bei Konservativen in der „deutschen Mehrheitsgesellschaft“ genauso existiert, sich möglicherweise nur anders ausdrückt.
Islamfeindlichkeit ist eigentlich Ausländerfeindlichkeit
Bei vielen sogenannten Islamkritikern kann der Islam, wie gezeigt, keine Rolle spielen, sie bedienen Überfremdungsängste und Rassismus. Ihre Aktivität richtet sich direkt gegen die Berechtigung der Muslime in Deutschland zu leben und nicht gegen Politisierung ihrer Religion. Meine Solidarität speist sich deshalb nicht aus dem Verständnis für Religiosität oder gar einem wie auch immer gearteten muslimischen Glauben. Nein, meine Solidarität gilt all jenen Menschen, die aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit zum Islam stigmatisiert werden, obwohl es nicht um ihrer Religion als solche geht, sondern darum, dass ihre Eltern, ihre Großeltern oder sie selbst in dieses Land immigriert sind. Das ist Xenophobie in ihrer reinsten Form und damit sind letztendlich nicht nur „die Muslime“ gemeint, sondern wir alle. Deswegen kann ich aus tiefer Überzeugung sagen, ich bin ein Muslim.
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