Die Sehnsucht nach dem Privaten – über den vielleicht gar nicht neuen Aufwind des „Biedermeier“

Im ZEIT Magazin vom 30.12.2014 attestiert Julia Friedrichs die Rückkehr eines verloren geglaubten Gesellschaftstypus – die Rede ist vom Biedermeier. Bevor man sich dieser gewagten und zugleich verständlichen These zuwenden kann, muss ein begriffstechnischer Schärfegrad hergestellt werden. Mir war der Unterschied zwischen dem Typus des „Biedermeier“ und dem des „Spießer“ lange nicht klar – und ich glaube auch jetzt noch, dass beide sich an einigen Punkten überschneiden. Abgrenzend charakterisieren lässt sich der Biedermeier wohl am Besten durch den konsequenten Rückzug ins Private, die Abkehr vom gesellschaftlichen Miteinander. Durch die Flucht ins private Idyll werden gesellschaftliche Probleme und Zukunftsfragen ausgeblendet. Bezogen auf die heutige Zeit bedeutet das: Neues Interesse am Haus im Grünen, Rückzug von der komplexen (Arbeits)Welt in Handarbeit, Kochen und Seelenpflege.

 Auch Tocqueville ahnte schon…

Die hinter dem Biedermeier-Typus stehende Beobachtung, dass Menschen sich von der Mitgestaltung gesellschaftlicher Prozesse abwenden und ihren Lebensfokus auf private Projekte und ein enges Freundesumfeld legen, ist allerdings nicht wirklich neu. Für postfeudale Gesellschaften hat dies unter anderem schon Alexis de Tocqueville festgestellt. Der französische Adelige reiste Mitte des 19. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten und veröffentlichte seine Beobachtungen über die gesellschaftlichen Prozesse in dieser jungen Demokratie in seinem zweiteiligen Hauptwerk „Über die Demokratie in Amerika“ (1835 und 1840).

Tocqueville prognostiziert in einer formal gleichen Gesellschaft, die keinen festgelegten ideologischen Überbau mehr aufweist, die Gefahr einer Gleichgültigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen Miteinander und eine schrittweise Entfremdung von der Idee, aktives Mitglied einer Gemeinschaft zu sein. Durch den Fokus auf den einzelnen Menschen gehen die strukturierenden Elemente feudaler Gesellschaften verloren, es entsteht der Bedarf eines demokratisch hergeleiteten Gemeinsinns. Dieser konkurriert mit den Selbstverwirklichungs- und Unterscheidungsmöglichkeiten im Privaten.

Diese Gedanken stecken auch im Biedermeier-Konzept, welches laut ZEIT Magazin nun wieder ganz groß in Mode ist. Unter Keywords wie Politikverdrossenheit oder Globalisierung lässt sich als Konsequenz einer zunehmenden Komplexität bei gesellschaftsrelevanten Fragen Verunsicherung und Desinteresse diagnostizieren. Unabhängig davon, dass besagte Keywords ihrerseits nur ein kleiner Ausschnitt komplexer Zusammenhänge sind, lässt sich sicherlich feststellen: Gefühlt haben sich Unsicherheit und Überforderung ausgeweitet, ist die gesellschaftspolitische Bühne zunehmend verwaist.

Biedermeier als alter Bekannter

Allerdings drängt sich beim Biedermeier-Revival sofort die Frage auf, ob es denn jemals wirklich anders war – und wenn ja, auf welcher Basis. Die Welt war auf eine gewisse Art immer schon komplex, ebenso wie das Zusammenleben in einer Gemeinschaft. Vereinfacht wurde dies meistens durch straffe Machtstrukturen und ausgrenzende Ideologien. In der westlichen Welt mag die Aufklärung dieses Schema kurz durchbrochen haben, aber die Nationalstaatsidee verbunden mit Verteilungskämpfen um freigelegte Produktionskapazitäten hat den im Ideal aufgeklärten Menschen sehr schnell wieder in entsprechende Machtstrukturen eingefügt. Komplexe Zusammenhänge und globale Wechselseitigkeiten konnten darüber hinaus bis zur Ausreifung entsprechender Informationstechnologien aus der eigenen Lebensrealität ausgeblendet werden. Mitte des 20. Jahrhunderts haben Studierendenproteste und Umweltbewegungen den Fokus auf private Wohlstandsvermehrung nochmals verschieben können und den Blick auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen und globale Probleme gelenkt. Die Biedermeier-Reflexe zeigen sich aber heute trotz – oder gerade wegen – der Informationsdichte und der gleichzeitig in westlichen Ländern maximierten Mitwirkungsmöglichkeiten wieder.

Rückblickend wechselten sich Biedermeier-Reflexe ab mit Phasen gesellschaftlichen Engagements, die aber geprägt durch Religion oder Ideologie meist zulasten anderer gingen. Eine Form von Engagement, die nicht wirklich positiv zu sehen ist. Aufklärung und Studierendenbewegung als Ausnahmen gesehen, stellt sich die resignierende Frage, inwieweit sich der Rückzug ins Private, die Perfektionierung des Biedermeier-Ansatzes überhaupt vermeiden lässt in modernen Gesellschaften.

Diesem negativen Bild lassen sich eine Vielzahl von Emanzipationsbewegungen entgegenhalten: Arbeitnehmer*innen haben in den letzten hundert Jahren betriebliche Mitspracherechte ausgebaut; die Umweltbewegung hat einen Nachhaltigkeitsdiskurs etabliert, der viele gesellschaftsrelevante Fragen problematisiert; sowohl die Rolle von Frauen in der Gesellschaft als auch die Möglichkeiten für LGBTI-Personen haben sich überwiegend positiv entwickelt. Selbstverständlich gelten diese Tendenzen aber nur für bestimmte Teile der Welt. Und anknüpfend an Tocqueville stellt sich die Frage, inwieweit hier zwar eine Emanzipation vorliegt, diese aber kleinteilig und eigentlich egoistisch ist. Die Solidarität und Engagementbereitschaft für Gruppen, die ihre Stimme nicht so laut erheben können oder vom gesellschaftlichen Diskurs von vorneherein ausgeschlossen sind sowie die Hinterfragung eigener (Lebens)Standards als Konsequenz aus erkannten Problemen scheint trotz positiver Einzelfälle vor den Verlockungen des Privaten in die Knie zu gehen.

Es lässt sich festhalten, dass der Biedermeier höchstwahrscheinlich nie ganz weg war, dass er sich aber heute einer in vielen Bereichen emanzipierteren Gesellschaft gegenübersieht. Um diese Emanzipation fortzusetzen, noch stärker aus persönlichen Bezügen herauszuholen und dauerhaft in der Mehrheit der Gesellschaft zu verankern, bedarf es allerdings noch einiger Anstrengungen in den Bereichen Aufklärung und Teilhabe sowie erfolgreichem Trotzen gegen die Verlockungen der ach so heilen Welt des Privaten. Ambitionierte Vorsätze fürs neue Jahr – aber probieren kann man es ja mal.

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Friedrichs, Julia (2014): Die Welt ist mir zuviel. Und ich selbst bin mir genug. Warum viele Menschen sich heute vor allem für Stressabbau und Handarbeit interessieren – statt für die drängenden Fragen der Gegenwart. In: ZEIT Magazin (1), S. 16–26.

Herb, Karlfriedrich; Hidalgo, Oliver (2005): Alexis de Tocqueville. Frankfurt/M: Campus Verlag.

Tocqueville, Alexis de (2011): Über die Demokratie in Amerika. Bibliogr. erg. Ausg. Stuttgart: Reclam (Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 8077).

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