Kritik an der Kritik: Ein kritischer Essay

Kritik verbreitet sich auf dem Campus schneller als Club Mate Flaschen. Kritik der Wissenschaft, wissenschaftliche Kritik, Wissenschaft und Kritik, kritisch Wissenschaften, ja sogar kritische Jurist*innen gibt es inzwischen. Letzteres erscheint mir ein Widerspruch in sich selbst, so wie intelligente Neonazis. Alles muss kritisch hinterfragt werden und alles muss der kritischen Betrachtung standhalten. Mir scheint, das Wort ist inzwischen aufgeblasener als Tim Wiese. Kritik soll allen vergegenwärtigen, dass nichts an sich gut ist, sondern nur so gut ist, wie es kritisch ist. Diese Erkenntnis ist in etwa so fruchtbar, wie die Erkenntnis von YOLO, die uns endlich verlebendigt hat, dass wir tatsächlich nur einmal leben. Aber wenn uns Frozen Yogurt oder Julia Engelmann eins gelehrt hat, dann ist es, dass Hypes sich dadurch auszeichnen, dass sie vorübergehen.

Dabei hat die Kritik ein Problem: Eine gute Kritik kritisiert sich selbst. Aber müsste damit nicht eine gute Kritik auch die Kritik an der Kritik kritisieren und das wiederum kritisieren? Dieses Spiel ließe sich unendlich weiterspinnen, der Punkt ist allerdings klar: Kritik kann nie ihrem eigenen Vollkommenheitsanspruch gerecht werden. Es ist etwa so, als würde man fortwährend im Kreis laufen, in der Hoffnung irgendwann das Ende des Kreises zu finden. Kritik ist gewissermaßen der Veganismus der Wissenschaft. Aber, nur Gott kann vollkommen sein. Oder in der Sprache überintegrierter Jugendlicher: „Chabos wissen wer der Babo ist“.

Ein weiterer Gedanke: In der Kritik muss alles kritisch betrachtet werden. Die Kritik zerlegt also die Welt und hinterlässt Chaos. Sie erklärt alles für nichtig. Die Kritik zerstört jegliche Ästhetik. Das Schöne existiert in der Kritik nicht. Aber, um es mit einem der größten Philosophen unserer Zeit zu sagen: „Wenn nichts schön ist, bin ich auch nicht hässlich“. Das Schöne muss also existieren, weil das Hässliche existiert und das Hässliche ist in der Kritik allgegenwärtig.

Ein unauflösbarer Widerspruch bleibt allerdings. Kritik an der Kritik ist letztlich auch nur Kritik, kritisiert sich also selbst und ist damit tautologisch. Mit anderen Worten: Kritik an der Kritik wird auch nie das Ende des Kreises erreichen. Was bleibt also? Es bleibt nichts, genau wie die Welt nichts ist. Es bleibt die Liebe, die Freundschaft, die Sonne. Die Sonne kritisiert nicht, sie strahlt. Die Sonne existiert einfach und niemand wird jemals die Sonne kritisieren wollen. Sie schafft also, was Kritik nicht schafft; Vollkommenheit.

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3 Kommentare

  1. anne.aus.mainz · Januar 24, 2015

    Das Schöne in der Kritik
    Da muss ich doch eine Lanze brechen für die Kritik, wenn auch nicht für die inflationäre Ausbreitung und die derselbigen. Aber Schönheit und Vollkommenheit ganz ohne Kritik? Dass die umfassende Kritik an ihre Grenzen stößt, dass die Kritik an der Kritik und darauf antwortende Kritik sich irgendwann in Gedankenspiralen verliert – ja, na klar. Doch warum schreibt der Begründer des kritischen Rationalismus Poppers ein Werk mit dem Titel „Auf der Suche nach einer besseren Welt“? Nicht doch, weil Kritik auch Verbesserungen mit sich bringt, weil sie ab und an die Augen öffnet und als konstruktive Kritik neues Aufbauen und Gestalten kann. So kann sie der Liebe zu Intensivität, der Freundschaft zu Tiefe verhelfen. Die Sonne zu kritisieren traue ich mich nun nicht, doch manchmal findet man nur zu Sonne, wenn man den Schatten, den sie wirft, kritisch hinterfragt.

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  2. anne.aus.mainz · Januar 24, 2015

    Da muss ich doch eine Lanze brechen für die Kritik, wenn auch nicht für die inflationäre Ausbreitung und die derselbigen. Aber Schönheit und Vollkommenheit ganz ohne Kritik? Dass die umfassende Kritik an ihre Grenzen stößt, dass die Kritik an der Kritik und darauf antwortende Kritik sich irgendwann in Gedankenspiralen verliert – ja, na klar. Doch warum schreibt der Begründer des kritischen Rationalismus Poppers ein Werk mit dem Titel “Auf der Suche nach einer besseren Welt”? Nicht doch, weil Kritik auch Verbesserungen mit sich bringt, weil sie ab und an die Augen öffnet und als konstruktive Kritik neues Aufbauen und Gestalten kann. So kann sie der Liebe zu Intensivität, der Freundschaft zu Tiefe verhelfen. Die Sonne zu kritisieren traue ich mich nun nicht, doch manchmal findet man nur zu Sonne, wenn man den Schatten, den sie wirft, kritisch hinterfragt.

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  3. banyuellwein · Januar 29, 2015

    Ich würde sogar weiter gehen. Ohne Kritik könnten wir die Welt nicht besser machen, sie würde stillstehen oder sich gar zurückdrehen. Aber Kritik ist nicht Selbstzweck, nachdem die Welt auseinandergenommen wurde, muss sie auch wieder zusammengebastelt werden. Kritik muss also dem Zweck dienen, die Welt zu verbessern.
    Die Sonne wirft keinen Schatten, es sind die Gegenstände, die die Schatten werfen. Das einzige, was man ihr vielleicht vorwerfen könnte, dass sie uns zu viel von ihrer Wärme und ihrem Licht geben würde. Aber das wäre ja wie der eigenen Mutter vorzuwerfen, sie hätte zu viel von ihrer Liebe geschenkt.

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